Weckt die Toten, weckt die Toten, die Verrückten sind in der Stadt
Verrückt sind
In Extremo im 31. Jahr ihrer Karriere natürlich schon lange nicht mehr. Das waren sie vielleicht hier und heute vor fast exakt 26 Jahren, als meine bessere Hälfte und ich sie am 23. September 2000 samt der Premiere einer damals brandneuen Single namens
"Vollmond" erstmals gemeinsam live erleben durften. Der Rest ist Geschichte und das geniale
"Vollmond" hat seinen Beitrag dazu geleistet.
Heute sind In Extremo längst eine absolute Größe und natürlich eine top professionelle Klasseband, aber auch immer noch nahbar, sympathisch, immer noch räudig und heavy und vor Allem das Letzte Einhorn ist immer noch einer der coolsten und charismatischsten Fronter der deutschen Szene. Es ist also angerichtet für eine maximale Metal-Party, die keinen kalt lassen sollte!
Aber fangen wir von Vorne an:
Kaiserwetter am Eingang des Kaisertals und in der mittlerweile unglaublich schmucken Kufsteiner Altstadt füllt die charmanten Biergärten bereits zu früher Stunde. Besser geht’s ja kaum und
eine schönere Location als die Festung Kufstein kann es für die 2026-Burgentour der Mittelalter-Metal Ikone In Extremo wohl kaum geben. Kufstein hat sich ja zuletzt zu einer ganz großen Konstante der heimischen Kulturszene entwickelt und davor kann man am schwierigen Pflaster Tirol nur seinen Hut ziehen. Die Entwicklung der Perle am Inn ist wahrlich beeindruckend. Waren hier in den 80er und 90er ein gewisser morbider Charme und durchaus dunkle Gestalten auf diversen Substanzen an der Tagesordnung, so hat sich Kufstein in den letzten Jahren wahrlich zu einer kleinen, aber feinen Perle und einer der hübschesten Kleinstädte des Landes entwickelt. Das Kulturquartier Kufstein ist ein großartiger Stützpunkt, die Stadt tut enorm viel für die Kultur und Shows aller Couleur und Konzerte auf der Festung sind ohnehin immer ein Highlight. Vor Allem, wenn es Metal Shows sind und noch besser, wenn es Mitterlalter-Metal ist. Mehr geht kaum und so konnte das heute nur eine Megaparty wie aus dem Bilderbuch werden.
Schandmaul
19:00 Uhr: Den Start machen wie auch einst im Jahre 2000
Schandmaul. Auch die Bayern sind längst eine
Institution der Szene und wenn In Extremo und Subway To Sally unumstrittenen am Thron des Mittelalter-Metal sitzen, so kommen Schandmaul mit Tanzwut und Saltatio Mortis wohl danach. Im Gegensatz zu den beiden Königen des Genres waren
Schandmaul zwar immer weniger Metal, dafür mehr Liedermacher-Folk-Flair. Mir persönlich sind die Münchner dabei oft eine Spur zu nah am Schlager, aber ihre Relevanz ist dennoch unumstritten. Dementsprechend haben
Schandmaul heute um 19:00 für eine volle Stunde Top Sound und schon früh am Abend eine richtig gute Stimmung im Burghof parat!
Frontman und Kreativkopf Thomas Lindner steht bei
Schandmaul ja mittlerweile nicht mehr am Mikro. Nach seiner erfolgreich überstandenen Erkrankung ist es ihm leider nicht mehr möglich zu singen und so konzentriert er sich mittlerweile auf Keyboard, Akustikgitarre und Songwriting. Den Sänger mimt mittlerweile im wahrsten Sinne des Wortes Till Herence. Seine Stimme ist wohl Geschmackssache. Mir ist sie eine Spur zu schwülstig, was aber nichts daran ändert, dass
Schanmaul heute bei den Fans gut abräumen. Verständlich, weil Songs wie
"Königsgarde" oder
"Tafelrunde" wirklich gut sind und weil die Band
ausnahmslos aus großartigen Musikern besteht. Dass es mir persönlich beim verballermannten
"Tatzlwurm" dann dennoch einfach zu Deutsch und zu blöd wird und ich bei aller Sympathie zum Rosenheimer Herbstfest nicht damit umgehen kann, wenn der Mittelalter-Rock durch solch belämmerte Faschings-Einlagen wie eine Wurm-Polonaise zum Schinkenstraßen-Musikantenstadl wird, mag meine persönlich Meinung sein. Solche
Wacken-Blödheiten kommen aber eben außerhalb von Deutschland nicht zwingend gut an und zum Glück haben die Headliner des Abends damit auch nix am Hut.
Sorry, der Grat zum Schlager ist bekanntlich oft sehr schmal, aber er darf einfach nicht so banal provoziert werden und wo
In Extremo und
Subway To Sally bei aller Party- und Spaßmomente immer verdammt heavy und energiegeladen nach vorne drücken, ist hier die Grenze einfach überschritten. Da gilt auch für den ein oder anderen Weichspüler, der eher im Radio Tirol Platz hätte, als auf einer Rockshow, aber lassen wir das.
Zu einer guten Show darf man Schandmaul letztlich dennoch gratulieren und insbesondere die finalen
"Teufelsweib" und
"Walpurgisnacht" holen da schon wieder einige Kohlen aus dem Ofen.
Der Jubel der Menge beweist ohnehin, dass es nicht alle so sehen wie wir und somit haben
Schandmaul wohl alles richtig gemacht…
In Extremo
21:30 Uhr: Die Lichter gehen aus, die Dunkelheit ist eingebrochen und
In Extremo starten nach dem epischen
"Ólafur " mit einem absoluten Knall in eine
schweißtreibende und alle Register des Mittelalter-Metal ziehende Party. Gerade zu Beginn fackeln die Berliner, deren Gründungsmitglieder Sänger Michael Robert Rhein („Das Letzte Einhorn), Kay Lutter („Die Lutter“ – am Bass), André Strugala („Dr. Pymonte“ – Harfe und Dudelsack) und Marco Zorzytzky („Flex der Biegsame“ – Dudelsack) seit mittlerweile fast 30 Jahren gemeinsam musizieren, ein
Hitfeuerwerk von der Bühne, das man kaum glauben kann.
Der
"Spielmannsfluch" geht wie immer und ewig volley durch die Decke, das knallhart groovende
"Troja" ist schon jetzt eine der besten Songs, der Bandgeschichte und bei
"Weckt die Toten" geht sowieso jeder einzelne vollkommen am Rad. Dieser Song ist
Energie und Nachvorne-Attitüde pur. Wie bei
"Leinen Los" von #Subway To Sally
" gibt es hier aber schon überhaupt kein Halten. Wer hier nicht in Bewegung gerät, durch dessen Adern fließt kein Blut und der ist so tot, dass er sicher nicht mehr erweckt werden kann. Was für ein Hit. Welche Energie! Ganz großes Kino!
Unfassbar wie sehr es uns In Extremo zu Beginn ohne mit der Wimper zu zucken besorgen. Der Sound ist laut und perfekt abgemischt. Die Bühne brennt, die Feuersäulen und das Feuerwerk glühen, Kufstein springt, bangt und tanzt. Die Festung steht Kopf und die Band lässt uns in aller ihrer unfassbaren Spielfreue keine Luft zum Atmen!
Der mittlerweile rappelvolle Burghof der Festung singt jeden Ton mit, die Menge tobt und hier muss wirklich keiner mehr erweckt werden. "Feuertaufe
" ist der nächste Knaller und wieder drehen alle durch. Da lässt es sich schon zufrieden von der Bühne lachen und weil man offenbar gleich in der ersten Hälfte für klare Verhältnisse sorgen will, gibt es den Klassiker "Werd ich am Galgen hochgezogen
". Jetzt sind auch die Tanzreigen, die Circle Pits und die Crowdsurfer auf Betriebstemperatur. Jetzt dreht Kufstein komplett durch.
Die Band ist spielfreudig, beweglich und beackert die Bühne mit eine Spielfreude und Energie, die jeden mitreißt. Mittendrin im Rampenlicht steht "Das letzte Einhorn
" mit all seinem Charisma, seiner coolen Aura und er hat die Menge mit seinen sympathischen Ansagen auch fest im Griff. Das ist nie zu viel, aber auch nie zu wenig. In Extremo wissen ganz genau, wie der Hase läuft und spätestens, wenn sie bereits nach einer halben Stunde den, von trausenden Kehlen mitgesungenen, Jahrhunderthit "Vollmond
" in die Weiten des Kufsteiner Landes schicken, dann weiß man, wer die Könige der Nacht sind!
Wahnsinn mit welchem Hitfeuerwerk die Deutsch hier loslegen. Der Peak scheint schon jetzt erreicht, aber auch der Rest der Show liefert bedingungslos am obersten Adrenalinlevel. "Mein Rasend Herz
", das harsche "Blutmond
" oder das akustisch schöne "Liam
" sind ausnahmslos klasse. Beim traurig schönen "Feine Seele
" kriegt man die Gänsehaut kaum in den Griff, "Küss mich
", "Wind
" und das punkige Partymonster "Störtebeker
" sind auch endgeil und lassen die Menge endlos toben. Dass die Band auf dem Fundament der harten Riffs und donnernden Grooves zu jeder Sekunde alle Register mittelalterlicher Instrumentenkunst zieht, ohne nur eine Sekunde an Punch einzubüßen, ist bei In Extremo beinahe ebenso selbstverständlich, wie dass ihre Dudelsackmelodien mehr Druck machen, als die Gitarren viele Möchtegernbands.
Die Nacht schreitet voran, die Zeit vergeht leider wie im Flug. Die Party könnte ewig weitergehen, die immer wieder unfassbar starke Bandhymne "Sängerkrieg
" läutet aber leider schon langsam das Ende ein. "Wolkenschieber
" und das höchst unterhaltsame "Sternhagelvoll
" beenden den Set nach knapp 90 Minuten.
Konsequent wie sie sind, lassen sich In Extremo aber nicht lange bitten. Das düster und stimmungsvolle "Rotes Haar
" holt die Menge mit seinem furiosen Schlussteil aus der Dunkelheit und ebnet den Weg für "Frei zu sein
"! Klar, dass hier wieder alles durch die Decke geht. "Pikse Palve
" ist dann aber leider wahrlich das Ende einer knapp 2-stündigen, absolut großartigen Show einer großartigen Band, die sichtlich gleich viel Spaß an der Show hatte wie die rappelvolle Festung Kufstein.
Enttäuscht geht hier keiner nach Hause und es wird wohl jeder einzelne, der hier und heute bei dieser fetten Mittelalter-Metal-Party in Traumkulisse dabei war wiederkommen. Dann, wenn In Extremo so wie sie es versprochen haben, auf die Festung im wunderschönen Land Tirol zurückkehren um Kufstein, dem Heiligen Land Tirol und den unweigerlich immer bei mittendrin statt nur dabei seienden Deutschen Nachbarn neuerlich einzuheizen!
Wir sind jedenfalls wieder mit am Start und hoffen, dass es nicht wieder 26 Jahre dauern wird! Sonst wird’s für alle Protagonisten altersbedingt eher schwierig und eng mit ganz großer Party….
"Weckt die Toten, weckt die Toten, Die Verrückten sind in der Stadt
Weckt die Toten, weckt die Toten, Das Testament ist schon gemacht
Wir tanzen auf den Gräbern, Trotzen unserem Untergang
Denn zum Sterben ist die Welt zu schön….
@C
@C
@C
@C
@C
@C
@C