Inhaltlich geht es tief in die dunklen Seiten menschlicher Existenz: Trauma, Verlust, Krankheit, Selbstzerstörung, Trauer und die Frage, wie man weitermacht, wenn das Leben seine hässlichsten Seiten zeigt. Die elf Songs sind überwiegend kurz, kompromisslos und direkt, werden dabei aber immer wieder von ruhigeren und getragenen Momenten durchbrochen. Besonders die komplett schwedischen Texte verleihen
"Lilla Vackra Människa" eine ganz eigene Atmosphäre und unterstreichen die persönliche und bedrückende Note des Albums. Im Gespräch erzählen Manne und Jonas von
KNIVAD von der Entstehung des Albums, persönlichen Erfahrungen, der Bedeutung ihrer Muttersprache, dem musikalischen Erbe Göteborgs und den Plänen für die Zukunft.
DarkScene: Hallo nach Göteborg! Mit "Lilla Vackra Människa" veröffentlicht ihr nach "Insidans ärrvävnad" von 2021 euer erstes Album seit fünf Jahren. Wie fühlt es sich an, dieses sehr persönliche Album nun endlich mit der Welt zu teilen?
Manne: Hallo! Zunächst eine kleine Klarstellung: Als wir die Band gegründet haben, lebten wir in Göteborg, aber mittlerweile bin nur noch ich, Manne, der Sänger, hier. Der Rest ist wie eine Plage über das ganze Land verteilt! Jonas und ich wechseln uns bei der Beantwortung dieses Interviews ab. Ja, es hat aus verschiedenen Gründen eine Weile gedauert, das Album fertigzustellen. Einer davon ist, dass wir denken, dass die Jagd nach etwas Neuem inzwischen extreme Ausmaße angenommen hat. „Tolles Album, habt ihr schon neue Songs in Arbeit?“ – das war eine häufige Frage, als das Debüt erschienen ist. Die Leute mussten sich also erst einmal etwas abkühlen und die alte Scheiße ordentlich durchhören, bis sie in ihre Einzelteile zerfällt. Ein weiterer Grund ist die räumliche Entfernung zwischen den Bandmitgliedern. Ein dritter lässt sich hoffentlich in den Texten finden, wenn man zwischen den Zeilen liest. Aber natürlich macht es Spaß. Man kann sich leicht in seiner eigenen Blase verfangen, wenn man etwas erschafft, und wir waren sehr zurückhaltend damit, andere die Songs hören zu lassen. Deshalb ist es spannend zu hören, welche Gedanken und Gefühle die Leute dazu haben.

DarkScene: Ihr beschreibt euren Sound als mehr als nur Crust und D-Beat – ihr wollt diese Musik regelrecht „weaponize“, also zur Waffe machen. Was bedeutet dieser Begriff für euch und wie hat sich der ganz eigene Sound von KNIVAD entwickelt?
Jonas: Wir selbst haben diesen Ausdruck nie verwendet, um unsere Musik zu beschreiben. Wir versuchen, sie so lange wie möglich überhaupt nicht zu beschreiben. Zwei von uns haben zuvor hauptsächlich Death Metal gespielt, einer kommt aus der Punk-Szene und der letzte ist ohne vorherige Erfahrung zu uns gestoßen, dafür aber mit einer tiefen Faszination und einem enormen Wissen über so ziemlich alle verfügbaren Subgenres. Daher kommt unser Sound – ein unbeabsichtigtes Durcheinander verschiedener Köpfe.
DarkScene: Der Titel "Lilla Vackra Människa" bedeutet „Kleiner schöner Mensch“. Welche Bedeutung steckt für euch hinter diesem Titel und warum habt ihr ihn zum Namen des Albums gemacht?
Manne: Wir wollten etwas, das einen Kontrast zur Musik bildet. Der Titel klingt meiner Meinung nach schön, während die Musik und ihr Inhalt etwas Dunkles und manchmal geradezu Böses darstellen. Man kann das als Metapher dafür sehen, wie wir Menschen sind oder sein können.
DarkScene: Ihr bezeichnet "Lilla Vackra Människa" als euer bislang persönlichstes Album. Ihr sprecht von Trauma, Verlust, psychischem Zusammenbruch, Trauer und der Last der eigenen Existenz. Wie schwierig war es, diese persönlichen Erfahrungen in Musik und Texte zu verwandeln?
Manne: Es war nicht schwierig, es war notwendig. Unsere Texte haben schon immer beängstigende und dunkle Gefühle und Ereignisse thematisiert. In den vergangenen Jahren hat wahrscheinlich jedes Bandmitglied verschiedene Phasen davon durchgemacht, und es wäre dumm gewesen, das nicht zu nutzen. Sozusagen: Grabe dort, wo du stehst. Manchmal haben wir Metaphern verwendet, aus Respekt vor uns selbst und anderen Beteiligten.
DarkScene: Musikalisch pendelt ihr ständig zwischen wütender Aggression und erdrückender Melancholie. Songs wie "Ett liv" und "Djuret inom mig" zeigen, dass ihr nicht einfach die ganze Zeit mit Vollgas nach vorne prescht. Wie wichtig sind diese ruhigeren und schwereren Momente für euren Sound?
Jonas: Wir denken, dass die rohe Energie der Vollgas-Songs verloren gehen würde, wenn sie einfach alle aufeinander folgen würden. Die Mischung ist interessanter zu bearbeiten und wichtig für die Dynamik, besonders bei einem kompletten Album. Außerdem kommen die Symbolik bestimmter Texte dadurch besser zur Geltung, ohne dass der Schlagzeuger dabei seine Arme verliert.
DarkScene: Die meisten Songs sind sehr kompakt und werden innerhalb weniger Minuten mit voller Wucht herausgefeuert. Ist diese kurze, kompromisslose Herangehensweise eine bewusste stilistische Entscheidung oder werden die Songs einfach so lang, wie sie sein müssen?
Jonas: Die Songs werden genau so lang, wie sie sein müssen, weil wir sie ständig weiter verfeinern und alle Elemente entfernen, die nichts zum Song beitragen. Die Texte sind uns sehr wichtig und wir wollen, dass sie im Vordergrund stehen.
DarkScene: Eure Texte sind komplett auf Schwedisch. Für mich ist das eine der großen Stärken des Albums, weil die Sprache der Musik eine ganz eigene Atmosphäre verleiht. Warum ist Schwedisch die richtige Sprache für KNIVAD und könntet ihr euch überhaupt vorstellen, solche persönlichen Texte auf Englisch zu schreiben?
Manne: Da stimme ich dir zu! Die schwedische Sprache eignet sich sehr gut für diese Art von Musik und für mich ist es selbstverständlich, beim Schreiben meine Muttersprache zu verwenden. Offensichtlich bin ich darin besser als in allem anderen, aber ich denke auch, dass Englisch zu stark mit der Popkultur verbunden ist und manchmal irgendwie zu hip klingt. Nordische Sprachen wie Norwegisch, Schwedisch und Finnisch sind auf eine gewisse Weise etwas „hässlicher“. Ich kann es nicht gut genug erklären, ich empfinde es einfach so.
DarkScene: "Dagen det dödade dig" hat mich besonders durch den Kontrast zwischen den ruhigeren Passagen und den wütenden Ausbrüchen gepackt. Wie entstehen diese Dynamikwechsel und wie viel wird während des Songwritings dabei experimentiert?
Jonas: Manche Songs verlangen nach einer Menge Experimentierfreude, bei manchen geht das sogar so weit, dass sie nicht mehr zu retten sind und im Papierkorb landen.
"Dagen det dödade dig" beziehungsweise „The day it killed you“ ist allerdings einer der Songs, die einfach entstanden sind und in einer einzigen Nacht in ihrer vollständigen Form fertiggestellt wurden – obwohl wir eine frühe Demoaufnahme davon verloren hatten und vergessen hatten, dass es den Song überhaupt gab, bis wir mit den Aufnahmen zum eigentlichen Album begonnen haben.
DarkScene: Eure Texte handeln von Selbstzerstörung, Krankheit, Verlust, Angst und dem Gefühl, zurückzubleiben, während andere Menschen verschwinden. Wie viel davon stammt aus euren eigenen Erfahrungen und wie viel entsteht aus der Beobachtung der Welt um euch herum?
Manne: Es ist eine Kombination. Aber wie ich bereits gesagt habe, wird auf diesem Album deutlicher, dass es während einer Phase unseres Lebens entstanden ist, in der es sowohl Todesfälle als auch unheilbare Krankheiten, tiefe Trauer und Angst um uns selbst und unsere Angehörigen gab. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen.
Ich glaube nicht, dass irgendetwas in den Texten, die ich geschrieben habe – Jonas schreibt ebenfalls manchmal – von jemandem handelt, den ich nicht kenne oder nicht beim Namen nennen könnte. Das ist vielleicht die deutlichste Antwort auf deine Frage.
DarkScene: Ihr schreibt, dass es auf dem Album darum geht, weiterzuleben, obwohl die Liebe anderer Menschen manchmal nicht ausreicht, um überhaupt bleiben zu wollen. Das ist eine sehr direkte und harte Aussage. Was bedeutet der Gedanke, trotz allem weiterzumachen, für euch persönlich?
Manne: Das basiert auf einem Abschiedsbrief, den ein Freund hinterlassen hat. Darin schrieb er, dass er NICHT weiterleben konnte, obwohl er wusste, dass er geliebt wurde. Es ist also der Versuch, diesen Kampf zu beschreiben und mehr Menschen dazu zu bringen, tatsächlich die Kraft und den Mut zu finden, daran zu glauben, dass es besser werden kann. Ich glaube, dass ich, der noch nie suizidgefährdet war, nicht das Recht habe, über die Entscheidungen anderer Menschen zu urteilen, ihr Leben zu beenden, weil ich ihre Situation niemals vollständig verstehen kann. Ich denke, es ist gefährlich, sich darin zu verlieren. Es gibt immer noch Orte, an denen ein gescheiterter Suizidversuch zu einer Gefängnisstrafe führen kann. Das dürfen wir nicht vergessen!
DarkScene: KNIVAD stammen aus Göteborg, einer Stadt mit einer enorm wichtigen Geschichte für extreme Musik. Welche Bedeutung hat Göteborg für eure musikalische Entwicklung und welche Bands oder Künstler haben euch am stärksten beeinflusst?
Manne: Ich glaube nicht, dass die Punk- und Metal-Szene Göteborgs heute einen großen Einfluss auf die Musik von KNIVAD hat. In den 90ern waren Bands aus Göteborg wie DISSECTION, AT THE GATES, SKITSYSTEM und GROTESQUE sowie die Käng-/Crust-Szene der 80er sicherlich Teil der Entwicklung unserer Identität als Musikkonsumenten und als Menschen. Unterbewusst kann das also durchaus so sein.
DarkScene: "Insidans ärrvävnad" erschien 2021, jetzt folgt "Lilla Vackra Människa". Wenn ihr beide Alben miteinander vergleicht: Was hat sich in diesen fünf Jahren bei KNIVAD am stärksten verändert und wohin wollt ihr die Band als Nächstes führen?
Jonas: Als wir "Insidans ärrvävnad" aufgenommen haben, lebten wir alle in Göteborg, weshalb der Entstehungs- und Aufnahmeprozess natürlich in vielerlei Hinsicht einfacher war. Dann zog ich zurück in den Norden, aus dem die meisten von uns ursprünglich stammen, und Agge zog in den Süden. Dadurch waren für das kommende Album deutlich mehr Reisen und schnellere Entscheidungen notwendig, was wahrscheinlich eine gute Sache war. Wir wissen, was wir ausdrücken wollen und wie wir das tun können. Zu viel Zeit zum Experimentieren kann einen zu weit vom eigentlichen Kern wegführen. Wir haben noch nicht wirklich über die Zukunft von KNIVAD gesprochen. Wir haben bereits einige Songs und Texte in der Hinterhand. Wir brauchen nur ein Trauma und ein paar Zugtickets, um wieder loszulegen. Vielleicht reicht die Langeweile im Vakuum dieser Veröffentlichung ja als Auslöser, anstatt ständiges Leid und Verluste. Hoffen wir es.
DarkScene: Vielen Dank für eure Zeit und das Interview! Ich wünsche euch viel Erfolg mit "Lilla Vackra Människa". Die letzten Worte gehören natürlich euch!
Manne & Jonas: Vielen Dank für deine gut durchdachten Fragen! Passt auf euch auf.
Interview: Tobias Stahl
Photocredit: KNIVAD/Promo